Erinnerung an die Tübinger Juden

Erinnerung an die Tübinger Juden

Seit ihrem Bestehen in den 1980er Jahren hat sich die Geschichtswerkstatt intensiv mit der jüdischen Geschichte in Tübingen befasst. Nach einer Ausstellung in der VHS 1988 ist 1995 die große Publikation „Zerstörte Hoffnungen. Wege der Tübinger Juden“ entstanden. Darin wird die Rolle der Tübinger Juden in der Öffentlichkeit, Politik und Geschäftswelt beleuchtet, der Antisemitismus und die Ausgrenzung seit 1933 beschrieben. Auch mehrere Emigranten-Schicksale und das Leben im Einwanderungsländern kommen zu Wort. Außerdem dokumentiert ein Briefwechsel die verzweifelte Situation der Viehhändlerfamilie kurz vor der Deportation in den Tod. Zahlreiche Rezensionen würdigten das Werk. Auszüge der Buches sind hier nachzulesen.  

In den Jahren 1998-2001 war die Geschichtswerkstatt maßgeblich an der Errichtung des Denkmals am Synagogenplatz und der Informationstexte beteiligt und 2004 erschien der Film zu den Tübinger Juden, der in den Tübinger Kinos und in zahlreichen Schulklassen gezeigt wurde.  

Bis heute bietet die Geschichtswerkstatt Stadtführungen zur jüdischen Geschichte an und veranstaltet am Synagogenplatz federführend in  Kooperation mit der Stadt Tübingen, dem Jugendgemeinderat, den Jugendguides und dem jüdischen Verein „Bustan Shalom“ (link) die jährliche Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des Reichspogromnacht am 9.November. Auch pflegt die Geschichtswerkstatt intensive Kontakte zu den noch lebenden jüdischen Bürgerinnen und Bürger und zu einzelnen Angehörigen aus der zweiten und dritten Generation.

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Die Geschichte der Tübinger Juden
Im Mittelpunkt der Tübinger Gemeinde, zu der auch die Reutlinger Juden gehörten, war die 1882 errichtete Synagoge, ein von außen schlichter, turmloser Bau mit orientalisch anmutender Innenausstattung. In der Einweihungsrede des zuständigen Bezirksrabbiners mischte sich die Freude über das endlich zugestandene Bürgerrecht mit Skepsis und Vorbehalten gegenüber einer sich bereits wieder regenden judenfeindlichen Stimmung. Die zu Anfang des 20. Jahrhunderts rund 100 Mitglieder zählende Gemeinde konnte sich als besoldeten Kultusbeamten nur einen Vorsänger, der zugleich auch das Amt des Religionslehrers und Schächters versah, nicht aber einen Rabbiner leisten. Ihrer theologischen Ausrichtung nach war sie eine 1iberale, akkulturierte Gemeinde.Pompona-Cafe-Anzeige.jpg
Die Tübinger Juden gehörten zum mittleren und höheren Bürgertum und übten vorwiegend selbstständige Berufe aus. Sie waren Textilkaufleute, Viehhändler, Verleger, Rechtsanwälte, Ärzte und Bankiers. Der Geschäftswelt gaben sie durch moderne Firmenkonzepte wichtige Impulse. Sie engagierten sich in der Kommunalpolitik und in der Sozialfürsorge. In den Vereinen waren Juden dagegen kaum integriert. Nach dem Ersten Weltkrieg machte sich in akademischen Kreisen und in Teilen des Mittelstandes ein wachsender Antisemitismus breit. Die Tübinger wählten zunehmend rechte Parteien und stimmten ab 1930 in immer größerer Zahl für die NSDAP.
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 demolierten SA- und SS-Männer im Zuge des reichsweit angeordneten Pogroms das jüdische Gotteshaus und brannten es auf Befehl des NSDAP-Kreisleiters nieder. Anschließend wurden fünf Tübinger Juden von der örtlichen Gestapo verhaftet und für mehrere Wochen in das KZ Dachau verschleppt. Albert Schäfer, einer von ihnen, starb an den Folgen der Misshandlungen. Die durch Emigrationen erheblich verkleinerte jüdische Gemeinde musste sich im März 1939 auflösen, nachdem sie zuvor noch den vollständigen Abbruch ihrer zerstörten Synagoge zu bezahlen hatte. Das Grundstück musste sie 1940 weit unter Wert an die Stadt veräußern. Im Jahr 1949 an die neu gegründete Israelitische Kultusvereinigung Stuttgart zurückgegeben, verkaufte diese das Grundstück 1951 an einen Privatmann, der darauf ein Wohnhaus errichtete.

 
 

Das Erinnern
Jahrzehntelang erinnerte an die einstige Synagoge lediglich der aus der Gründerzeit erhaltene Umfassungszaun. Lilli Zapf war die erste, die sich in Tübingen lange Zeit mit der Geschichte der Tübinger Juden beschäftigte. Sie setzte sich auch vergeblich für eine Erinnerung am früheren Syagogengrundstück ein. Erst zum 9. November 1978 brachte die Stadt auf wiederholten Druck hin eine Gedenktafel an einem benachbarten Brunnen an, der allerdings in keinem Zusammenhang mit der jüdischen Gemeinde steht. Die Empörung über die Inschrift: „Hier stand die Synagoge der Tübinger Jüdischen Gemeinde. Sie wurde in der Nacht vom 9./10. November 1938 wie viele andere in Deutschland niedergebrannt“, führte ein Jahr später zu einer zweiten Tafel: „Zum Gedenken an die Verfolgung und Ermordung jüdischer Mitbürger in den Jahren 1933–1945“. Täter und Verantwortlichkeiten lässt aber auch dieser Text im Dunkeln.

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Aufgrund dieser unangemessenen Situation initiierte eine Projektgruppe von Geschichtswerkstatt Tübinger und der Dietrich-Bonhoeffer-Kirchengemeinde initiierte 1998 einen künstlerischen Wettbewerb zur Denkmalgestaltung am Standort der früheren Synagoge Das im Jahr 2000 errichtete Denkmal der Architekten Werkgemeinschaft Nürtingen und des Bildhauers Gert Riel erinnert an die zerstörte Synagoge und an das Leben der Juden in der Universitätsstadt. Ein den Brunnen umgebender Stahlkubus mit 101 quadratischen Öffnungen symbolisiert die frühere Synagoge. Die 101 Öffnungen stehen für die vertriebenen und ermordeten Tübinger Juden. Ihrer wird namentlich auf drei Tafeln an der Wasserrinne gedacht. Auf der Innenseite einer hohen Stahlstele sind Texte zur Geschichte, Entwicklung und Zerstörung der jüdischen Gemeinde Tübingen-Reutlingen angebracht. Eine weitere, von Professor Utz Jeggle verfasste Texttafel, dokumentiert den schwierigen Umgang mit dem Synagogengrundstück in den letzten Jahrzehnten.

Der Film
Film_Wege-der-Tuebinger-Jud.jpgNach der Errichtung des Denkmals hat die Geschichtswerkstatt mehrere Jahre an dem  Film „Wege der Tübinger Juden. Eine Spurensuche“ gearbeitet, der 2004 Premiere hatte. Acht frühere Juden aus Tübingen wurden an ihren früheren Wohn- und Wirkungsorten in Tübingen und in den Einwanderungsländern Israel und USA interviewt. Der Film zeigt die Kindheit in Tübingen, die Ausgrenzungserfahrungen in der Schule und auf der Straße während des Nationalsozialismus, die Flucht, die Deportation von Verwandten, das Leben im Einwanderungsland und der schwierige Umgang mit der Vergangenheit. Der Film ist ein eindrucksvolles Zeugnis der lebendigen Erinnerung an die Tübingen Juden. Der Film ist bei der Geschichtswerkstatt erhältlich.

 

 

 

 

Publikationen zur Geschichte der Tübinger Juden und zur Erinnerungskultur
 

  • Adelheid Schlott: Die Geschichte des Tübinger Synagogenplatzes. (Tübinger Besonderheiten, Band 3). Tübingen 2009.
  • Geschichtswerkstatt Tübingen (Hrsg.): Zerstörte Hoffnungen. Wege der Tübinger Juden, Stuttgart 1995.
  • Benigna Schönhagen/Wilfried Setzler: Schauplätze und Spuren. Jüdisches Tübingen, Haigerloch 1999.
  • Martin Ulmer: Pogromnacht 1938. Die Zerstörung der Jüdischen Gemeinde und die Folgen. In: Tübinger Blätter 1998/99, S. 27–31.
  • Geschichtswerkstatt Tübingen: Wege der Tübinger Juden. Eine Spurensuche. (Dokumentarfilm), Tübingen 2004.
  • Lilli Zapf: Die Tübinger Juden. Eine Dokumentation. Tübingen 1981 (1974).