Texte

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1. Redebeitrag von Dr. Martin Ulmer

Anhörung der Anwohnerschaft zur Scheef-Straßenumbenennung am 19. Februar 2014

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, meine Damen und Herren,
der 1874 geborene Adolf Scheef stammte aus Nürtingen, er trat 1896 in den städtischen Dienst als Tübinger Rathausschreiber ein und wurde später Bezirksnotar. 1927 gewann er die Tübinger Oberbürgermeisterwahl mit 60 Prozent der Stimmen. Er war seit 1911 führendes Parteimitglied der Fortschrittlichen Volkspartei und seit 1919 bei der Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Für die linksliberale DDP war er zwischen 1924 und 1932 im Württembergischen Landtag und dort im Fraktionsvorstand tätig. Scheef war bis zum Ruhestand 1939 Oberbürgermeister, sein Nachfolger wurde der führende NSDAP-Kommunalpolitiker Ernst Weinmann, der 1947 für Kriegsverbrechen in Jugoslawien gehängt wurde. Adolf Scheef starb im Januar 1944 in Tübingen. Der zweite Teil von Scheefs Amtsperiode zwischen 1933 und 1939 zeigt deutlich, dass er ein nationalsozialistisch orientierter Oberbürgermeister ohne Parteibuch war. Entscheidend für die Beurteilung der Rolle von Adolf Scheef in der NS-Zeit ist nicht seine mögliche Motivation, die angesichts mangelnder biografischer Zeugnisse auch kaum mehr ergründet werden kann, sondern sein politisches Verhalten – besonders im Gemeinderat – das durch die vollständig überlieferten Gemeinderatsprotokolle und Redemanuskripte gut dokumentiert sind. Ich sehe beim politischen Handeln von Oberbürgermeister Adolf Scheef zwei Muster:

1. Erstens förderte er die nationalsozialistischen Politik nach Kräften.
2. Zweitens sind starke Tendenzen der Duldung (vor allem hinsichtlich der Verfolgungen der politischen Gegner und den Juden) erkennbar, um keine Konflikte mit der NSDAP zu provozieren.

Ich möchte mit einem Zitat des Beigeordneten, dem führenden NSDAP-Politiker Ernst Weinmann bei der Pensionierung von Oberbürgermeister Adolf Scheef im Frühjahr 1939 beginnen, als dieser Scheef und seine Verdienste mit folgenden Worten würdigte: „So dachte ich dabei in erster Linie der in den Jahren nach der Machtübernahme erstellten Großprojekte, wie Motorsportschule, Reichssanitätsschule, Jugendherberge, die Bauten der Wehrmacht im Neckartal und den Bau des neuen Standortlazaretts (…) Es mußte zugegriffen und gehandelt werden. Sie [Herr Oberbürgermeister, M.U.] haben in allen Fällen gehandelt und auch die Verantwortung dafür getragen. Heute schon nach nur wenigen Jahren wissen wir, dass ihre Entscheidungen richtig waren und dass der Stadt durch das Neugeschaffene ein großer Auftrieb gegeben wurde. (…) An diesen Dank möchte ich meinem eigenen anschließen für das Vertrauen, dass Sie immer uns entgegengebracht haben. Der Beweis für unsere jederzeit gute Zusammenarbeit ist im Erfolg sichtbar geworden.“

Auf Initiative von Weinmann wurde Scheef in der Sitzung das Ehrenbürgerrecht verliehen.
Der frühere Demokrat betrieb seit Frühjahr 1933 nach Kräften eine nationalsozialistische Stadtpolitik. Bereits in den ersten Sitzungen des Kommunalparlaments war er ganz auf der Linie der Nationalsozialisten. Der einst liberale Scheef, ansonsten kein Freund allgemeinpolitischer und pathetischer Reden, schwenkte am
1. Mai 1933 selbst in den Chor nationalsozialistischer Propaganda ein, indem er diesen Tag der deutschen Volksgemeinschaft und der deutschen Arbeit würdigte und dann im Hinblick auf die neuen Ehrenbürger sagte: „Unser Deutsches Vaterland, unser Reichspräsident Generalfeldmarschall von Hindenburg, der Kanzler des Deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler und der Württ. Staatspräsident Wilhelm Murr: Sieg Heil, Sieg Heil, Sieg Heil.“

Bei der Beratung über die Bestellung der Ausschüsse am 8. Mai 1933 im gleichgeschalteten Gemeinderat setzte sich das frühere demokratische Stadtoberhaupt Scheef nicht mehr für die Interessen der demokratischen Minderheit von Zentrum und SPD ein, sondern ließ diese Frage im Gemeinderat entscheiden, in dem die NSDAP eine überwältigende Mehrheit hatte.

Auf seine Initiativen bzw. deutliche Unterstützung hin entstanden die SA-Motorsportschule, die Reichsbräute- und Reichssanitätsschule, die Schwesternschule, die Jugendherberge sowie Einrichtungen des Nationalsozialistischen Volkswohlfahrtverbands, das Kriegslazarett auf dem Sand sowie mehrere Siedlungen, u.a. die Gartenstadt in Derendingen. Er baute Tübingen zur „Parteistadt“ aus, wie es in den Würdigungen seiner nationalsozialistischen Nachfolger Ernst Weinmann und Alfred Kercher hieß. Die häufigen Zugriffe der Parteieinrichtungen auf städtische Finanzmittel und auf Immobilien stießen bei Scheef auf großes Wohlwollen. In der Siedlungspolitik wurde deutlich, dass den OB Scheef nicht nur berechtigte wohnungs- und kommunalpolitische Belange bewegten, sondern auch ideologische Motive. Bei der Frage der Belegung von geplanten Kleinsiedlungen z.B. der Gartenstadt stellte er im Gemeinderat im März 1936 unmissverständlich klar, wer dort nur wohnen darf: „Als Siedlungsanwärter sind grundsätzlich alle ehrbaren deutschen Volksgenossen aus den breiten Schichten zugelassen. Sie müssen erbgesund, arischer Abstammung, rassisch wertvoll und nationalpolitisch zuverlässig sein.“

Darüber hinaus ist sein Einsatz für die nationalsozialistischen Ziele im Alltagsgeschäft bemerkenswert. Ob die Einrichtung von Volksempfängern, die Abonnements des Parteiblatts „Völkischer Beobachter“ für das Rathaus oder das von ihm persönlich beauftragte Geschenk eines Gemäldes vom Tübinger Rathaus zum 50. Geburtstag von Adolf Hitler. Scheef sah in seiner persönlichen Initiative – laut Protokoll des Gemeinderats vom 13. Februar 1939 „eine Ehre und hohe Freude, wenn der Führer das zu seinen Ehren gemalte Bild zu seinem Geburtstagsgeschenk der Stadt Tübingen entgegennehmen würde.“ Scheef war es auch, der im Unterschied zu einzelnen anderen Städten Hitlers „Mein Kampf“ für Neuvermählte im März 1937 bestellen ließ und dafür sorgte, dass das Stadtwappen und seine persönliche Widmung in Hitlers Schrift aufgenommen wurde. Mit Stolz sagte Oberbürgermeister Scheef 1937 anlässlich der Verabschiedung des NSDAP-Kreisleiters Helmut Baumert im Gemeinderat: „Zur Festigung der nationalsozialistischen Gesinnung und Erkenntnis lassen wir das bedeutsame Werk des Führers „Mein Kampf“ den Neuvermählten als Traugeschenk der Stadt überreichen.“

Zahlreiche Beispiele belegen Scheef als willigen und effektiven Repräsentanten des NS-Regimes. Darauf verweisen auch seine öffentlichen Huldigungen der Partei sowie sein demonstratives Lob im Gemeinderat für die Annexion des Sudetenlandes im Herbst 1938 als großen außenpolitischen Erfolg Deutschlands aufgrund der „Genialität unseres Führers“. Abschließend sprach Scheef im Gemeinderat folgende Worte: „Unserem Führer wollen wir unseren Dank abstatten durch unbedingte Treue und durch die Tat, indem wir gewissenhaft und unter Einsatz auch der letzten Kraft auf dem uns zugewiesenen Platz mitarbeiten am grossen Werk des Führers, dem Wiederaufbau Deutschlands.“ Freiwillig nutzte Scheef sein Amt und seine Popularität auch für die nationalsozialistische Propaganda.

Scheef verhinderte auch an keiner Stelle antisemitische Initiativen, was auf administrativem Wege durchaus möglich gewesen wäre. So duldete Scheef das von der NSDAP beantragte Freibadverbot für Juden und „Nichtarier“, obwohl ein Teil der Bestimmungen mit dem Reichsaußenministerium in Berlin zu größeren Konflikten führte. Es gibt im Gegenteil einige Hinweise, dass er selbst antisemitische Maßnahmen förderte. So war er der Impulsgeber für die Lösung der städtischen Geschäftsverbindungen zu Firmen mit jüdischen Inhabern - so ließ Oberbürgermeister Scheef die weitere Vergabe der Tapetenlieferung für die städtische Wohnhausneubauten durch die Firma Hugo Löwenstein grundsätzlich im Gemeinderat im Juni 1933 klären, obwohl das städtische Hochbauamt an der bisherigen Vergabepraxis zugunsten von Hugo Löwenstein festhalten wollte. Ein weiteres Beispiel geschah in der Gemeinderatssitzung vom 26. Oktober 1936:  „Ratsherr Göhner macht darauf aufmerksam, dass die in städt. Bädern (…) aufgestellten Personenwaagen von einer jüdischen Firma namens Lindauer stammen. Er möchte bitten, die Sache sofort zu untersuchen und die Geschäftsverbindung mit der Firma Lindauer aufzulösen. (…) Der Oberbürgermeister sagt zu, die Sache sofort untersuchen zu lassen und etwaige mit einer jüdischen Firma abgeschlossenen Verträge (…) mit sofortiger Wirkung aufzuheben.“ Die Stadtverwaltung kündigte sofort. Dabei schlüpfte Scheef beim nachfolgenden Kauf der gemieteten Personenwaagen in der Rolle eines „Ariseurs“, indem er den Preis für die Stadt weiter zu drücken versuchte.

Die kommunalpolitische unerfahrene und junge Garde der NSDAP in Tübingen verfügte im Frühjahr 1933 über keine ernsthafte Alternative zu dem erfahrenen und angesehenen Verwaltungsmann Scheef. Das sehr gut funktionierende Arrangement über die Jahre hatte für beide Seiten Vorteile, weil Scheef durch seine demonstrative Politik für die NS-Ziele im Amt und an der Macht bleiben konnte und Scheefs effektive Amtsführung und seine Popularität der Partei von großem Nutzen war. Eine wichtige Erklärung für das Arrangement seit 1933 findet sich in den Tagebuchaufzeichnungen des Parteikollegen Emil Beutinger, der als Oberbürgermeister von Heilbronn im Frühjahr 1933 seinen Sessel räumen musste. Nachdem der württembergische Wirtschaftsminister Reinhold Maier von den Demokraten eine Koalition mit der NSDAP 1932 abgelehnt hat, kam Scheef ins Spiel:

“Ein zweites Mal wurde der Versuch gemacht – dabei kam mit den beiden Genannten [dem NSDAP-Fraktionsvorsitzenden im Landtag Wilhelm Murr und Maier, M.U.] auch der Landtagsabgeordnete Scheef – Oberbürgermeister von Tübingen. Scheef hat im Sinne Murrs auf Maier einzuwirken versucht und sich dabei erboten die demokratische Partei für diesen Gedanken zu gewinnen. (…) Dies Verhalten von Scheef in seiner doppelzüngigen Weise ist der Grund, warum Scheef als einer der wenigen Ortsvorsteher 1933 im Amt blieb“.
Viele Oberbürgermeister wie Beutinger in Heilbronn, in Ulm, in Karlsruhe, Stuttgart und in vielen anderen Kommunen wurden 1933 von den Nationalsozialisten aus dem Ämtern gedrängt, weil diese Demokraten als politisch unzuverlässig galten.

Fazit
Die Verhalten von Oberbürgermeister Scheef in der Zeit von 1933 bis 1939 ist schwerwiegend und kein Kavaliersdelikt. Scheef war neben den Parteifunktionären, den Kreisleitern Baumert und seit 1937 Hans Rauschnabel, dem Fraktionsvorsitzenden und Beigeordneten Ernst Weinmann sowie den wechselnden Universitätsrektoren die mächtigste Amtsperson in Tübingen. In dem in Württemberg traditionell einflussreichen und populären Amt des Oberbürgermeisters war er durch sein hier dargestelltes politisches Handeln ein wichtiger Aktivposten des Nationalsozialismus. Die Verfolgung der Demokraten (aus deren Reihen er selbst kam) und den Juden tolerierte Scheef und er schreckte auch gelegentlich vor antisemitischen Initiativen und Entscheidungen nicht zurück. Letztlich spielte für die Tübinger NSDAP keine Rolle, ob er ein Parteibuch besaß oder nicht, entscheidend war allein seine bedingungslose Loyalität und großzügige Förderung der kommunalen und allgemeinen NSDAP-Politik spätestens seit der Machtübernahme 1933. Wenngleich Scheef auch sinnvolle kommunalpolitische Projekte auf den Weg brachte, ist die Ehrenbürgerschaft und die Straßenbenennung nach Scheef als Ehrenakt untrennbar mit seiner sehr fragwürdigen Rolle im Nationalsozialismus verbunden. Eine Umbenennung einer Straße, die in der Regel ehrenhalber Persönlichkeiten würdigt, ist angesichts der historischen Faktenlage bei der Scheef-Straße notwendig. Zugleich sollte der Prozess des Umgangs mit der Scheef-Straße angemessen dokumentiert werden, z.B. durch ergänzende Hinweis-Schilder und/oder z.B. in Form einer Dokumentation auf der städtischen Homepage.

Quellen und Literatur:
Stadtarchiv Tübingen: Gemeinderatsprotokolle 1933-1939, 1944; ZGS: Mappe Adolf Scheef
Benigna Schönhagen: Tübingen unterm Hakenkreuz. Eine Universitätsstadt in der Zeit des Nationalsozialismus. Tübingen 1991; Geschichtswerkstatt Tübingen (Herausgeber): Forschungsbericht: Zwangsweise ausgeschiedene Tübinger Stadträte 1933/1934 und deren Verhältnis bzw. Verbindung zum Nationalsozialismus. März 2012.